2025 | Nachhaltigkeit bei den Kapitalanlagen
Zwischen Rendite und Verantwortung
Mit einem geschätzten Vermögen von über 1100 Milliarden Franken gehören die Schweizer Pensionskassen zu den bedeutendsten Anlegergruppen des Landes. Neben Massnahmen zur Kostensenkung und zur Anpassung der Anlagestrategien zeigt sich seit einigen Jahren ein inhaltlicher Wandel in der Verwaltung der Vorsorgegelder. Nachdem Gutachten bestätigt haben, dass die Berücksichtigung von Klimarisiken zur treuhänderischen Sorgfaltspflicht von Pensionskassen gehört, und der Pensionskassenverband ASIP sowohl einen Leitfaden zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten als auch den ASIP ESG-Reporting-Standard entwickelt hat, sind neue Impulse gesetzt worden. Der freiwillige Berichtsstandard wurde Ende 2022 als Selbstregulierung eingeführt und 2024 vom ASIP-Vorstand als verbindlicher Branchenstandard (in der Version 1.1.) aktualisiert.
Nachhaltige Kapitalanlagen im Fokus der Pensionskassen
ESG steht für Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung). Der Begriff beschreibt weltweit etabliert, wie Unternehmen mit ökologischen, sozialen und ethischen Aspekten umgehen. Die Beweggründe der Pensionskassen sind vielfältig: Sie wollen Verantwortung übernehmen, Reputationsrisiken vermeiden, finanzielle Risiken umfassender beurteilen und regulatorische Vorgaben – national wie international – berücksichtigen.
Rechtliche Rahmenbedingungen
Die Berücksichtigung von ESG-Kriterien wird zunehmend als integraler Bestandteil der treuhänderischen Verantwortung verstanden. Gesetzlich vorgeschrieben ist derzeit lediglich, dass Pensionskassen ihre Stimmrechte bei Schweizer Unternehmen aktiv ausüben und dokumentieren müssen. Eine explizite Pflicht zur Berücksichtigung von Klimawirkungen in der Anlagepolitik besteht hingegen (noch) nicht.
Ein Rechtsgutachten des Bundesamts für Umwelt (BAFU) sowie Stellungnahmen des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) legen jedoch nahe, dass Klimarisiken im Risikomanagement zu berücksichtigen sind. Der ASIP empfiehlt daher ausdrücklich, ESG-Risiken in die Anlagestrategie zu integrieren – auch zur Sicherung langfristig stabiler Renditen.
Umfrage bei Gemeinschafts- und Sammelstiftungen
In Zusammenarbeit mit Dr. Ingeborg Schumacher-Hummel* und ihrer Firma Responsible Impact Investing hat das Beratungsunternehmen Weibel Hess & Partner AG eine umfassende Umfrage bei Gemeinschafts- und Sammelstiftungen zum Thema Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen einen klaren Trend: Immer mehr Pensionskassen berücksichtigen ESG-Kriterien in ihren Anlageentscheiden. Die Nachhaltigkeitsbewertung dieser Stiftungen wird daher zunehmend differenziert, um dem Fortschritt bei der Umsetzung entsprechender Strategien Rechnung zu tragen.
Strategische Verankerung
Die Pensionskassen Abendrot und Nest gelten seit ihrer Gründung als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Ihre ESG-Strategien sind langjährig etabliert, im Anlagereglement verankert und werden durch aktive Mitgliedschaften, etwa bei Swiss Sustainable Finance (SSF), unterstrichen. Inzwischen haben auch weitere Kassen wie Asga, Baloise, Helvetia, Swisscanto Flex und Vita fundierte und transparente Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt – auch wenn diese teils nur unvollständig auf ihren Websites kommuniziert werden.
Reporting
Der ASIP ESG-Reporting Standard hat die Nachhaltigkeitsberichterstattung spürbar professionalisiert. Viele Pensionskassen haben ihn bereits implementiert. Lebensversicherer gehen teilweise eigene Wege und veröffentlichen umfassende Berichte, die über die Branchenstandards hinausgehen.
Diese Reportings liefern nicht nur den Stiftungsräten wichtige Einblicke in die Wirkung getroffener Massnahmen, sondern auch Versicherten und Arbeitgebern eine transparente Sicht auf die ESG-Politik der Kasse. Zu den führenden Institutionen zählen u.a. Abendrot, Asga, AXA, Baloise, Futura, Groupe Mutuel, Helvetia, Nest, Servisa, Swisscanto Flex, Tellco, Transparenta und Vita.
Klimastrategie
Das Pariser Klimaabkommen und die Schweizer Langfriststrategie setzen das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden. Da Gebäude in der Schweiz rund ein Drittel der CO₂-Emissionen verursachen und Pensionskassen stark in Immobilien investieren, ergibt sich hier ein bedeutender Hebel. In der ESG-Analyse wurde daher auch erfasst, ob CO₂-Absenkpfade mit Zwischenzielen definiert wurden.
Besonders stark schneiden hier Abendrot, Asga, Futura, Groupe Mutuel, Nest, Pax, Previs, Spida und Vita ab – viele davon mit überdurchschnittlich hohen Anteilen direkter Immobilienanlagen.
Stewardship
Stewardship beschreibt die aktive Wahrnehmung von Aktionärsrechten durch Stimmrechtsausübung und Dialog mit Unternehmen. Mit dem Swiss Stewardship Code hat dieses Thema zusätzlich an Gewicht gewonnen. Die Mehrheit der Pensionskassen arbeitet mit spezialisierten Anbietern wie Ethos zusammen oder engagiert sich in entsprechenden Initiativen – national wie international. Die Stimmrechtsausübung ist nicht nur durch die VegüV gesetzlich vorgeschrieben, sondern gilt auch als zentraler Teil der treuhänderischen Verantwortung.
Ausschlusskriterien
Nahezu alle befragten Kassen orientieren sich an der Ausschlussliste des Schweizer Vereins für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK-ASIR) – im Gesamtportfolio oder zumindest bei liquiden Anlagen. Für viele Kassen stellt dies den Mindeststandard dar; ambitioniertere Strategien gehen deutlich darüber hinaus.
Umsetzung im Portfolio nach Positivkriterien
ESG-Integration gilt als Mindeststandard nachhaltiger Anlagestrategien – dabei variiert das Ambitionsniveau erheblich. Laut Umfrage berücksichtigen einige Kassen ESG-Kriterien bereits bei über 85% ihres Vermögens. Zudem fordern viele systematisch klimabezogene Daten von ihren Vermögensverwaltern an oder erheben sie selbst – gestützt auf den ESG-Reporting-Standard.
Ein direkter Vergleich explizit nachhaltiger Produkte bleibt schwierig, da deren Klassifikation unterschiedlich interpretiert wird. Diese Kategorien sollten in künftigen Erhebungen vertieft analysiert werden, um konkrete Portfolioeffekte sichtbar zu machen.

Fazit
Nachhaltige Kapitalanlagen entwickeln sich vom Nischenthema zum Branchenstandard. Zwar ist der regulatorische Druck bislang gering, doch Markt, Öffentlichkeit und Reputation üben zunehmend Einfluss aus. Schweizer Pensionskassen tragen die Verantwortung, nicht nur eine stabile Altersvorsorge sicherzustellen, sondern auch zur ökologischen und sozialen Transformation beizutragen – durch kluge und wirkungsorientierte Kapitalanlage.
*Dr. Ingeborg Schumacher Hummel berät Pensionskassen und andere institutionelle Investoren und Finanzdienstleister bei der Entwicklung und Umsetzung nachhaltiger Anlagestrategien. Sie verfügt über 30 Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet; ihre Firma «Responsible Impact Investing» bietet auch Moderationen sowie Schulungen und Workshops an. Sie unterrichtet zudem an verschiedenen Fachschulen und sitzt in mehreren Anlageausschüssen.