Unterschiedliche Vorsorgemodelle

Hohe Renditen gehören der Vergangenheit an

  

Im Interview: Anders Malmström, Leiter Leben Axa Winterthur, als Vertreter der Vollversicherer und Herbert Brändli, Geschäftsführer B + B Vorsorge, als Vertreter der unabhängigen Gemeinschafts- und Sammelstiftungen. Sie beantworten vier Fragen zur künftigen Entwicklung der Pensionskassen.

1. Nennen Sie drei Punkte, worin sich ihr Modell zu einer Vollversicherung resp. Risiko- und Sparkassenlösung markant unterscheidet?
Anders Malmström: Bei einer Vollversicherungslösung geht der Kunde kein Risiko ein. Er wird nie in Unterdeckung geraten, muss nie Sanierungsbeiträge leisten und ist somit jederzeit frei, seine Vorsorgelösung anzupassen. Das ist vor allem für kleine Unternehmen wichtig, die es sich nicht leisten können oder nicht leisten wollen, mehr Risiken einzugehen. Denn die müssen sich insbesondere in einer Krisensituation nur auf eines konzentrieren können - darauf nämlich, ihr Unternehmen wieder in Gang zu bekommen. Herbert Brändli: Kassen wie Profond sind Selbsthilfegemeinscharten der Versicherten und dienen keinen fremden Herren. Sie stehen für nachhaltig rentable Realwertanlagen, ausgewogenen Schutz gegen Vermögensverluste, Gleichbehandlung von Ein- und Austritten mit Bestandesmitgliedern, Gleichbehandlung der Aktiven und Rentner sowie offene Information und Mitbestimmung aller Mitglieder. Im Unterschied zur Vollversicherungslösung bleibt die Verfügungsgewalt über Vermögen und Erträge bei den Versicherten.
2. Was sind Ihrer Ansicht nach in den nächsten 10 Jahren die drei grössten Herausforderungen in der beruflichen Vorsorge?
Anders Malmström: Die nächsten Jahre werden durch widersprüchliche Vorgaben geprägt sein. Einerseits möchte man mehr Sicherheit. Auf der anderen Seite schreibt die Politik einen Mindestzinssatz vor, der sich nur mit stark risikobehafteten Anlagen erreichen lässt. Gleichzeitig müssen von Gesetzes wegen zu hohe Renten garantiert werden, welche nur durch die Querfinanzierung von den Aktiven zu den Rentnern gewährleistet werden können. Das birgt politischen Zündstoff zwischen den Generationen. Herbert Brändli: Die riesigen Vermögen in der 2. Säule lösen politische und wirtschaftliche Begehrlichkeilen aus, die die Kassen beharrlich abwehren müssen. Die Arbeitnehmer haben eine einmalige Gelegenheit, mit ihren Ersparnissen via ihre Pensionskassen bestimmendes Eigentum am weltweiten Produktionsapparat zu erwerben und so den Gang der Wirtschaft mitzugestalten. Diese Kraft dürfen sie nicht mehr aus der Hand geben, indem sie zu einfachen Kreditgebern gegenüber Firmen und Staatsapparaten werden und sich deren Ohnmacht ausliefern.
3. Welche Massnahme müsste die Politik einleiten, um diese Herausforderungen bewältigen zu können?
Anders Malmström: In erster Linie muss sich die Politik von der Idee lösen, sie könne die Höhe der Renten nach Wunsch festlegen. Man kann nicht mehr verteilen als vorhanden ist. Konkret: Sowohl der Mindestzins als auch der Umwandlungssatz müssten so definiert werden, dass sie den wirtschaftlichen Gegebenheiten Rechnung tragen. Zudem sollte die Politik dafür sorgen, dass für alle Vorsorgeanbieter die gleichen Regeln gelten. Es ist nach wie vor nicht einleuchtend, warum für Lebensversicherungen strengere Vorschriften gelten als für teilautonome Pensionskassen. Herbert Brändli: Staat und Politik sollen sich möglichst zurückhalten und den Arbeitnehmern mehr Vertrauen schenken und Verantwortung zubilligen. Diese können ihre eigenen Vermögen ohne regulatorische An- und Zurechtweisungen verwalten und finden selbst die fachliche Unterstützung am freien Markt. Am Anfang steht eine vorurteilslose Wirkungsanalyse und Reflexion der bisherigen Gesetze und Verordnungen, bevor versucht wird, mit weiteren Gesetzen und Verordnungen früher ausgelöste Schäden zu reparieren.
4. Herausfordernd werden wohl auch die Anlagerisiken sein. Wie werden sich die Anlagepolitik und Renditeerwartung entwickeln?
Anders Malmström: Für die Fachleute ist klar, dass der sogenannte dritte Beitragszahler stark an Bedeutung verloren hat. Das heisst: In den nächsten Jahren darf man nicht mehr damit rechnen, mit Kapitalanlagen so hohe reale Gewinne zu erzielen wie in den letzten 20 Jahren. Dies wird insbesondere jene Kassen hart treffen, die in Unterdeckung geraten sind. Denn sie werden sehr lange brauchen, um aus der Unterdeckung wieder herauszukommen. Der Fokus muss also auch bei der Anlage in Zukunft ganz klar auf die Sicherheit gerichtet werden. Herbert Brändli: Die Welt kommt nicht gleichmässig voran. Die Entwicklung geht mit dem ständigen Auf und Ab der Wirtschaftsregionen, das an Finanz- und Anlagemärkten noch verstärkt wird, einher. Die Schwankungen lösen Ängste aus, und Pensionskassen tragen darob das Risiko, dass sie die langfristige Entwicklung verpassen. Mit dem Versuch, Marktschwankungen zu glätten. geben sie unnötig Erträge preis und verlieren die eigene Möglichkeit, Leistungen zu harmonisieren und echt geforderte Solidarität unter den Mitgliedern spielen zu lassen.